Messi-Flüchtlinge am Grünen Weg? Nein!

Was war los in einem von Flüchtlingen bewohnen Haus am Grünen Weg in Ankum? Günther Kosmann erhebt schwere Vorwürfe. klartext recherchierte – und fand eine ganz andere Geschichte.

Ein kommentierender Beitrag von Rita Stiens.

Ratsmitglied Kosmann.

In einem online veröffentlichten Artikel vom 15. April spricht Günther Kosmann, CDU-Samtgemeinderat, von „mutwilliger Zerstörung“ im Haus am Grünen Weg, von „Entrümpelungsaktionen, die Bände sprechen“, und stellt die Behauptung auf: „Nachbarn, Handwerker, Polizeibeamte“ seien „an oder in dem Wohnhaus gewesen und berichteten – teils hinter vorgehaltener Hand – von ,Messi-Zuständen‘ in der ,Schrottimmobilie‘ am Grünen Weg 4.“

Messi-Zustände im Haus wie zugemüllte, verdreckte Wohnungen? Nach dem Bild, das Kosmann in seinem Bericht zeichnet, haben die Flüchtlingsbewohner am Grünen Weg nicht gewohnt, sondern gehaust. Das stimmt nicht – sagen mit Nachdruck z. B. Ankumerinnen, die dort in Wohnungen ein und aus gingen, weil sie die Flüchtlinge regelmäßig unterstützten.

17 Personen seit dem Frühjahr 2016. In die beiden Wohnungen und in das Apartment des Hauses am Grünen Weg zogen zwischen dem Frühjahr 2016 und Nov. 2016 insgesamt 17 Personen ein. In eine der Wohnungen eine 8-köpfige Familie, in das Apartment ein Ehepaar. In der oberen Wohnung gab es ab März 2016 eine Männer-WG mit 7 Personen.

 

Keine Messi-Zustände. Keine mutwillige Zerstörung.

Viele Schicksale unter einem Dach.

2 Jahre lang, von Anfang 2016 bis zum Februar diesen Jahres, betreute eine Ankumer Integrationslotsin eine 8-köpfige Familie aus dem Irak, die im Erdgeschoss wohnte. Sie war teils mehrfach die Woche bei den Eltern, den 5 Kindern zwischen 13 und 2 Jahren und der Großmutter der Kinder, die im Alter von 91 Jahren im Haus am Grünen Weg gestorben ist.

Die Wohnung wurde immer sauber gehalten, erfuhr klartext von ihr. Ein Erlebnis hat sogar besonders beeindruckt: Wie gut und sauber die Großmutter gepflegt wurde, als sie krank war und schließlich verstarb.

Es gab, so die Helferin, auch keine mutwillige Zerstörung. Dafür gab es anderes: viel Angst bei der Familie. Diese Angst führte auch dazu, dass die Innen-Jalousien so gut wie immer geschlossen blieben und die Kinder fast immer in der Wohnung waren. „Bei 5 Kindern, darunter 3 Jungs“, sagt die Flüchtlingsbegleiterin, „da bleibt es nicht aus, dass auch mal was kaputt geht wie z. B. an einer Plastik-Innen-Jalousie.“

 

Nun im Irak, 2016 in der Schule in Ankum.

Entrümpelung – weil das Mobiliar teils „uralt“ war.

Am 1. Februar diesen Jahres kehrte die irakische Familie freiwillig in den Irak zurück. Was das Mobiliar angeht, sagt die Integrationslotsin: Dass ein Teil als Sperrmüll entsorgt wurde, war überfällig. Die Kinderzimmer seien in Ordnung gewesen. Das Schlafzimmer der Eltern war jedoch bereits beim Einzug der Familie, was Möbel, Tapeten, den Teppich angeht, in einem uralt-verwohnten Zustand.

Haben Asylbewerber mutwillig Mobiliar ruiniert? Nein, sagt die Betreuerin der Irak-Familie – und das sagt auch die Samtgemeinde. Die irakische Familie, sagt die Integrationslotsin noch, habe vor ihrer Abreise – zu der sie sich schweren Herzens durchgerungen habe – noch einen Eimer Farbe gekauft. Den Flur zu streichen, hätten sie vor ihrer Ausreise noch geschafft.

Helferkreis und Flüchtlinge im Haus Kirchburg in Ankum. Das strahlende kleine Mädchen vorne flüchtete z. B. mit ihren Eltern aus Syrien.

 

Mit Bildern ein Zerrbild zeichnen.

Günther Kosmann zeigt ein Innenfoto aus der leeren Wohnung der irakischen Familie. Die Integrationslotsin kennt diesen Raum. Es ist das schon beim Einzug der Familie uralt-verwohnte Schlafzimmer. Das Bild zeigt den ausgeräumten Raum, sichtbar auch die Stelle, wo der Schrank stand. Inzwischen hat die Samtgemeinde diesen Raum renoviert.

Festzuhalten ist: Im Grünen Weg ließ die Samtgemeinde Flüchtlinge teils auch in Räume einziehen, die vorher schon lange bewohnt waren. Ein Skandal? Hätte die Samtgemeinde, nachdem ihr Haus an der Aslager Straße abgerissen werden musste, für Flüchtlinge und Wohnungslose ein schönes großes neues Haus kaufen oder bauen sollen – für sehr, sehr viel Steuergeld? Gekauft hat sie ein in der Substanz noch gutes Haus älteren Datums für 175.000 €. In Häusern solcher und ähnlicher Altersklasse leben in Ankum und andernorts so einige Menschen.

 

Intakte Jalousie im Obergeschoss.

Aufbauschen und beschuldigen.

Günther Kosmann zeigt auch eine von außen fotografierte Innen-Jalousie, bei der die beiden unteren Lamellen am rechten Faden ausgehakt sind. Solche Jalousien seien mutwillig zerstört worden – behauptet Kosmann einfach.

Die Jalousie, die Kosmann zeigt, hängt in der Küche der Männer-WG. klartext sah beim Besuch in der WG eine Innen-Jalousie – ein Billig-Exemplar, das 15 – 20 € kostet (bei amazon). Was wäre bei einer kaputten Jalousie? „Zwischenzeitlich kaputte Innen-Jalousien wurden nicht von der Samtgemeinde ersetzt“, sagt Andreas Schulte: „Der Ersatz hat durch die Bewohner zu erfolgen.“

Dieses Foto machte klartext im Mai 2016 in der Männer-WG. Da auch ein Thema: Der Putz- und Kochplan der Männer.

 

Obere Männer-WG: „Die haben regelmäßig geputzt“.

Wie ging es in dieser Männer-WG zu? klartext sprach mit einer Helferin, die Asylbewerber aus dieser Wohnung bis zum Herbst 2017 regelmäßig betreute. Was Ordnung und Sauberkeit in der Wohnung angeht, ist ihr nichts Unangenehmes aufgefallen. „Die haben regelmäßig geputzt“, sagt sie, und sie erlebte auch keine Spuren mutwilliger Zerstörung. klartext verbachte einige Stunden in der WG und berichtete 2016 über diesen Besuch (mehr dazu hier).

 

Ein Ärgernis gab es immer mal wieder: Mülltrennung und Müll.

Deutsch zu lernen dauerte seine Zeit.

17 Personen unter einem Dach, da ging’s öfter mal, wie klartext erfuhr, um Ordnung und Sauberkeit bei den Mülltonnen hinter dem Haus. Da traf deutsche Mülltrennungskultur auf Menschen, die kaum Deutsch sprachen, die keine Vorstellung davon hatten, warum Müll getrennt werden soll, die wohl auch andere Sorgen hatten.

Aus den Reihen der jungen Männer wurde aber auch Mist gebaut. So kam es vor, dass jemand von oben eine Mülltüte durchs Fenster zur Tonne warf. Richtig, dem einen Riegel vorzuschieben! Richtig aber auch: Müll-Ärger gibt es auch in Mehrfamilienhäusern, in denen keine Asylbewerber oder Wohnungslose leben.

 

Polizei: War das Haus ein Problem-Haus?

„Polizei im und am Haus“, steht in dem Bericht von Günther Kosmann. klartext fragte nach. Hubert Kortland, Leiter des Einsatz- und Streifendienstes im Polizeikommissariat Bersenbrück, sitzt auch in den wöchentlichen Lagebesprechungen. Gab es Vorfälle in dem von Asylbewerbern bewohnten Haus am Grünen Weg? Da klingelt bei dem erfahrenen Polizeihauptkommissar zunächst einmal nichts. Aufs Gedächtnis muss man sich bei der Polizei jedoch nicht verlassen, denn zu Vorfällen gibt es Einträge.

Hubert Kortland schaute nach und stellte fest: Kein Eintrag für das Jahr 2018 zu dem besagten Haus, auch kein Eintrag für das Jahr 2017. Der eine Eintrag, den es gibt, liegt gut 2 Jahre zurück: Im März 2016 war die Polizei vor Ort, weil zwei der Hausbewohner aneinandergerieten, was als Körperverletzung registriert wurde.

März 2016, das war kurz nach dem Einzug der 7 Männer im Alter von Anfang 20 bis Mitte 30 in die obere Wohnung. Offenbar klappte das Zusammenleben am Anfang nicht reibungslos. Danach dann kein weiterer Vorfall. Zur Verbesserung des Miteinanders hat wohl auch beigetragen, dass schnell darauf hingewirkt wurde, dass ein schwieriger Mitbewohner Ankum und Niedersachsen verlassen hat.

Ein wichtiger Beitrag zur Integration: Die Unterstützung durch Ehrenamtliche.

 

„Plötzlicher Fortzug“ von Bewohnern? Leerstand?

Suspekt klingt bei Günther Kosmann manches, so auch, wenn er vom „plötzlichen Fortzug der ehemaligen Bewohner“ spricht. Sind die irgendwie verschwunden, abgetaucht? Die Samtgemeinde kaufte ein Haus – und das steht jetzt seit Februar leer, ist dann noch bei Kosmann zu lesen.

Ein Haus voller Menschen-Geschichten.

Die tatsächliche Geschichte ist eine andere. Es ist eine Geschichte, die zeigt, dass die Integrations-Unterstützung, die es für die Flüchtlinge gegeben hat, so erfolgreich war, dass Flüchtlinge Arbeit fanden. Die irakische Familie kehrte freiwillig in den Irak zurück, bei anderen Bewohnern veränderten sich die Lebensverhältnisse zum Besseren.

  • So haben 3 aus der Männer-WG Arbeit gefunden und sich eine eigene Wohnung gemietet. 2 der Männer sind aus Ankum weggezogen.
  • Einer fand eine Praktikumsstelle und wird aus der oberen Wohnung ins Apartment ziehen. In diesem Apartment wohnte ein Jahr lang ein Ehepaar. Das miete sich im November 2017 ebenfalls eine eigene Wohnung, weil sich eine Arbeitsstelle fand.

Baier (links), Kosmann.

Es gab also positiv zu bewertende Veränderungen im Haus am Grünen Weg. Einen kompletten Leerstand gab es nicht. Zum 1. April sind auch schon wieder neue Bewohner eingezogen: Eine Familie mit 4 kleineren Kindern. Durch den Umzug der einen Person ins Apartment, steht die obere Wohnung jetzt wieder für neue Bewohner zur Verfügung.

Die Samtgemeinde ist dazu verpflichtet, Wohnungslose und Asylbewerber unterzubringen. Gäbe es gar keinen freien Wohnraum in Häusern der Samtgemeinde, wohin dann mit den Menschen, die Wohnraum brauchen? Wie schwierig und auch kostspielig es ist, Privatwohnungen anzumieten, hat sich 2016 gezeigt. 

 

Ein Schlag ins Gesicht aller, die geholfen haben.

Für Günther Kosmann sind, zeigt sein Artikel, die heftigen Vorwürfe gegen die Bewohner des Hauses am Grünen Weg eigentlich ein Mittel zum Zweck – um sie gegen den Hauseigentümer „HaseWohnbau“, deren Geschäftsführer Horst Baier sowie die „Spitzen der Ankumer Politik“ zu richten.

Flüchtlinge zu politischen Zwecken pauschal verunglimpfen: Die letzten Zeilen des Artikels.

Um politisch gegen andere zu Felde ziehen zu können, scheint Günther Kosmann jedes Mittel recht zu sein – auch das Mittel, Flüchtlingen einen Messi-Stempel aufzudrücken und ihnen Übles zu unterstellen wie mutwillige Zerstörung.

Wie hier in Alfhausen haben sich überall in der Samtgemeinde Menschen engagiert, um Flüchtlingen das Ankommen zu erleichtern.

Was Kosmann schreibt, befördert massiv Vorurteile – und ist auch ein Schlag ins Gesicht all‘ der Menschen, die mit großem Engagement dazu beigetragen haben, dass es Flüchtlingen gelang, mit Schwierigkeiten fertig zu werden, sich einzugewöhnen, Fuß zu fassen. Zu diesen Engagierten gehören in erster Linie einmal die ehrenamtlichen Flüchtlingshelfer, aber auch zahlreiche Mitarbeiter der Samtgemeinde. Dieses Engagement wird weiterhin gebraucht – und ihm gebührt Dank.

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Ein Kommentar

  1. Ralph-Erik Schaffert

    Wir sollten wirklich nicht politische Auseinandersetzungen auf dem Rücken von Menschen führen, die durch Krieg und Verfolgung nicht mehr in ihrem Heimatland leben konnten. Und wir sollten auch den vielen Menschen danken, die sich um die Integration und Betreuung dieser Menschen verdient machen.

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